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Arm dran

Fast jeden Tag hört man in den Medien, dass die Menschen in den Wohlstandsländern immer dicker werden, Kinder leiden an Diabetes Typ 2 – früher unseren Großeltern vorbehalten und liebevoll „Altersdiabetes“ genannt – und alles scheint nur noch ein einziges großes Fressen zu sein. Ist es so, dass man die wohlhabenden Länder an der Prozentzahl ihrer Übergewichtigen erkennen kann? Und wie war das zu anderen Zeiten, zum Beispiel nach Kriegen, in unseren westlich-aufgeklärten Ländern? Nach jedem Krieg ging die Zahl der übergewichtigen Kindern nach oben, denn mit ihnen läuteten die Elterngenerationen das Ende der Gürtelengschnallzeit ein und konnten so zeigen: „Hey, unser Kind muss nicht hungern, wir haben wieder genug Geld, um im Überfluss zu leben.“ Und auch in den armen Ländern auf unserem schönen Planeten gelten Sprichworte wie „Lieber auf Fett geschwabbelt, als auf Knochen gerappelt“ – zugegeben, vielleicht nur so ähnlich, aber die Aussage trifft es einfach auf den Punkt. Dick war einmal schick, ob es nun Wohlstand ausdrücke oder Fruchtbarkeit bei Frauen, wie es heute noch in vielen afrikanischen oder arabischen Ländern der Fall ist.

Aber was ist mit den Menschen, vornehmlich Frauen, die als krasser Gegenentwurf dazu erschreckend abgemagert sind, und das aus mehr oder weniger freien Stücken? Die sich Tag für Tag das Essen verbieten, aus Gründen, die nicht immer offensichtlich sind, auch wenn die Medien es sich gerne einfach damit machen. Was ist mit den Frauen, die sich nach dem Essen den Finger in den Hals stecken um möglichst alles wieder loszuwerden? Sind nicht sie die wahren Zeichen einer Wohlstandsgesellschaft? Magersucht und Bulimie heißen die Aushängeschilder der Luxusnationen, je höher die Zahl derer, desto größer ist Müßiggang und Reichtum! In welchem armen Land der Welt hat ein Mensch Zeit und Muße, sich solche Luxusprobleme zuzulegen? Fressen, um es direkt danach wieder zu erbrechen? Wer hat so viel Geld, um das Essen nicht nur zum Fenster herauszuwerfen, sondern es auch noch das Klo herunterzuspülen? Oder das Privileg der Dreistigkeit zu besitzen, in einer Wohnung mit einem übervollen Kühlschrank zu leben, sich aber selbstgeißelnd jede Stunde das Essen zu untersagen und das bis an die Grenze von Leben und Tod und oftmals sogar darüber hinaus? Je mehr Menschen sich ihren Kopf darüber zerbrechen können, ob und wie schrecklich es ist, wenn sich beim Laufen die Oberschenkel berühren, wie viele Kalorien in einem Muffin stecken oder wie lange man wohl ohne Essen überleben kann, obwohl man genug für 100 Jahre hätte, desto höher sollte man das Land in der Tabelle der wohlhabendsten Länder einstufen.

Viele empfinden es als ein Schlag ins Gesicht derer, die täglich um ihr Essen kämpfen müssen und den Kampf nicht immer selbstverständlich gewinnen, wenn jene Bilder von unseren Dickerchen sehen, wie sie Burger und Törtchen in sich reinstopfen, als gäbe es kein Morgen, oder Geschäfte für Übergewichtige aus dem Boden schießen wie Pilze nach einem regnerischen Sommer. Aber diese Bilder rufen nur eins hervor: Neid. Wenn aber ein hungernder somalischer Junge von dem Tagesablauf einer essgestörten jungen Frau seines Alters aus Deutschland erfährt – was denkt er dann? Er wird es nicht verstehen, er wird verwirrt, ja vielleicht sogar mitleidig sein. Und warum? Weil dieses Verhalten so weit weg von seinem täglichen Leben ist, dass er sich nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde in diese junge Frau versetzen kann. Diese Frau lebt in einem anderen Universum für ihn, so weit weg, dass er sie nicht einmal dafür hassen kann, was sie tut. Sicher kann man durch solche Gedanken unsere Luxusprobleme wie Depressionen, Essstörungen, Panikattacken und die abertausenden von Phobien, nicht aus unseren Leben verbannen und sicher sind sie kein Spaß und auch kein Spaziergang. Aber vielleicht sollte sich jeder von uns überlegen, wie positiv uns das Schicksal dadurch begünstigt hat, dass wir unsere Freizeit mit Einzelgesprächen und Gruppentherapien, in Ab- und Zunehmcamps verbringen dürfen oder in schweren Fällen selber beschließen können, diese Erde zu verlassen, weil wir mit Dingen nicht mehr klarkommen, von deren Besitz andere Menschen auf dieser Welt nicht einmal zu träumen wagen – das macht den Umgang mit manchen Gedanken, die sich in unsere Hirne schleichen, möglicherweise ein bisschen leichter. Und wenn nicht, sollten wir jeden Tag dankbar dafür sein, dass wir die Wahl haben. Denn allein das macht für mich Luxus aus.

23.5.13 23:49
 


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